Michaels Wort zum Sonntag
Die Würde des Menschen ist unantastbar?
01.10.2026
Heilbronn – Zentrale

Die Welt verändert sich rasant. In dieser Kolumne beschreibt Michael Fritz, warum Gemeinschaftsfähigkeit für Kinder zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen gehört und weshalb frühe Bildung weit mehr leisten muss als Wissensvermittlung: Sie soll Kinder stärken, Vielfalt auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und Zukunft gemeinsam zu gestalten. Dabei steht eine zentrale Hoffnung im Mittelpunkt. Jetzt lesen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar?
Diese Frage beschäftigt mich seit dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt.
Vor einem Monat bin ich Opa geworden. Unser erster Enkel ist auf der Welt. 2092 wird er so alt sein wie ich heute. Statistisch gesehen wird er sogar das Jahr 2120 erleben.
Ich habe keine Ahnung, in welcher Welt er dann leben wird. Ich weiß nur sicher: Es wird eine andere Welt sein.
Die Welt wird schneller anders und anders anders. Das erleben wir schon heute. Klimawandel, gesellschaftliche Veränderungen und politische Unsicherheit zeigen uns, wie wenig selbstverständlich unsere Zukunft geworden ist.
Aber wir können unseren Kindern etwas mitgeben, das sie dafür brauchen werden: die Fähigkeit, mit anderen Menschen gemeinsam durch diese Veränderungen zu gehen. Gemeinschaftsfähigkeit.
Sie ist für mich eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen. Und deshalb gehört sie in die frühe Bildung.
Denn Gemeinschaftsfähigkeit entwickelt sich schon dort, wo Kinder ihre ersten Erfahrungen mit Gemeinschaft machen: in der Kita, im Hort und in der Grundschule. Dort lernen sie, zuzuhören. Andere Perspektiven auszuhalten. Konflikte zu lösen. Rücksicht zu nehmen. Verantwortung zu übernehmen. Und zu erleben: Auch wenn wir unterschiedlich sind, gehören wir zusammen.
Das ist gerade in Zeiten wichtig, in denen gesellschaftliche Debatten härter werden und Menschen sich voneinander entfernen.
Kinder erleben diese Verunsicherung. Sie bekommen mit, wenn Eltern Sorgen haben. Sie hören politische Diskussionen. Sie erleben eine Gesellschaft, die teilweise tief gespalten ist.
Umso wichtiger sind Bildungsorte, an denen sie erfahren: Ich kann mit meinen Gefühlen umgehen. Ich kann mit anderen zusammenarbeiten. Ich darf anders sein. Wir können uns streiten und trotzdem zusammengehören. Und wenn etwas schwierig wird, finden wir gemeinsam einen Weg.
Das ist für mich auch ein Teil dessen, was Bildung leisten muss: Kinder so zu stärken, dass sie Veränderungen nicht nur bewältigen, sondern gemeinsam gestalten können.
Genau das wünsche ich auch meinem Enkel.
Dass er in einer Welt aufwächst, in der die Würde jedes Menschen tatsächlich unantastbar ist. Dass er andere respektiert und selbst Respekt erfährt. Dass er sich als Teil einer Gemeinschaft erlebt. Und dass er die Gewissheit in sich trägt:
Ich kann. Wir können.



