Michaels Wort zum Sonntag
Happy Scheitern – und allen viel Resilienz zum neuen Jahr
02.11.2026
Heilbronn – Zentrale

Jedes neue Schuljahr beginnt mit guten Vorsätzen und dem Wunsch, etwas besser zu machen. Doch irgendwann stellte sich die Frage: Was, wenn nicht einzelne Stellschrauben das Problem sind, sondern das System selbst? Über ein Bildungssystem, das nicht mehr zu den Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen passt, und darüber, warum es Zeit ist, Wohlbefinden und individuelle Entwicklung ins Zentrum zu stellen.
Als Schulleiter habe ich mir und meinen Lehrer-Kolleg:innen zum neuen Schuljahr stets ein fröhliches „Alles Gute zum neuen Jahr!“ zugerufen. Und wie sich das gehört, habe ich mir für jedes Schuljahr gute Vorsätze vorgenommen. Ich plante, an vielen Stellschrauben zu drehen, dieses und jenes besser zu machen und den Dank fröhlicher Kinder, zufriedener Kolleg:innen und glücklicher Eltern zu ernten. Am Ende des Schuljahres war ich so müde und frustriert wie im Jahr davor und im Jahr davor und davor. Denn am Ende jedes Schuljahres habe ich in enttäuschte Gesichter jener Kinder gesehen, die nicht versetzt wurden und derjenigen, die ich aus meiner Grundschule „nur“ in meine Hauptschule selektiert habe. Ich habe viele Klassenbucheinträge über „störendes Verhalten im Unterricht“ gelesen und die Fehlzeiten ausgebrannter Lehrkräfte kompensiert, die Wut und den Frust vieler Schüler:innen an den Schmierereien in den Toiletten abgelesen und meinen eigenen Frust gegen das Bildungssystem erlebt, das überfordert ist. Ein Bildungssystem, das noch aus meiner eigenen Kindheit stammte, aber nicht für die Kinder von heute weiterentwickelt wurde
Natürlich haben wir und haben Unterstützer:innen vieles verbessert. Wir haben an die Weiterentwicklung des Bildungssystems geglaubt. Aber irgendwie kam es mir immer so vor wie bei einem alten Pelzmantel.
Der Pelzmantel der Oma war vielleicht einmal das beste Kleidungsstück für einen kalten Winter. Schwer und wuchtig war er zwar, und man konnte sich darin kaum bewegen. Aber er hielt warm.
Nur: Die Zeiten haben sich verändert. Es ist wärmer geworden. Und trotzdem versuchen wir, diesen alten Mantel irgendwie weiterzutragen. Wir nähen kleine Lüftungsschlitze hinein. Wir stellen eine Person ein, die uns an besonders heißen Tagen Luft zufächelt. Und wir bieten Fortbildungen an, in denen wir lernen, wie wir mit Überhitzung und ihren Folgen umgehen können.
Aber vielleicht ist das Problem nicht, dass der Mantel noch nicht gut genug angepasst ist.
Kinder fühlen sich in unserem Bildungssystem häufig nicht wohl. Das Bildungssystem kann krank machen. Als Konsequenz werden bundesweit Schulgesundheitsfachkräfte und eine stärkere Verankerung von Gesundheitsbildung in den Lehrplänen gefordert.Das sind wichtige Vorschläge. Aber sie lösen das Problem nicht: Unser Bildungssystem wurde nicht grundlegend an die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen heute angepasst und schon gar nicht an die Anforderungen, die in Zukunft auf sie zukommen werden.
Wir brauchen jetzt ein Bildungssystem, das Gesundheit und Wohlbefinden nicht erst dann zum Thema macht, wenn Menschen krank geworden sind. Ein Bildungssystem, in dem sich alle wohl fühlen – Kinder und Jugendliche wie pädagogische Fach- und Lehrkräfte – und das weiß, dass Wohlbefinden die Basis für gelingende kognitive wie sozial-emotionale Entwicklung ist. Ein Bildungssystem, das nicht versucht, alle Kinder in eine alte Form zu pressen, sondern ihnen hilft, ihre individuellen Kompetenzen zu entwickeln.
Das Problem ist der Mantel. Es ist Zeit für einen neuen.


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