Michaels Wort zum Sonntag
Was passiert mit unseren Bildungsorten, wenn es immer weniger Kinder gibt?
01.09.2026
Heilbronn – Zentrale

Der demografische Wandel verändert unsere Bildungslandschaft. Besonders in ländlichen Regionen sinken die Kinderzahlen, Einrichtungen geraten in ihrer Existenz unter Druck. Michael Fritz erinnert sich an seine eigene Erfahrung auf der Schwäbischen Alb und fragt: Was, wenn wir nicht nur versuchen, bestehende Strukturen zu erhalten, sondern Bildungsorte angesichts der neuen Bedingungen neu denken? Ein gemeinsames Bildungshaus für Kita, Hort und Grundschule könnte dabei nicht nur Bildungsangebote vor Ort sichern, sondern auch neue Möglichkeiten für eine kindzentrierte Pädagogik eröffnen.
In den 1990er-Jahren war ich Lehrer auf der Schwäbischen Alb. Das Dorf, in dem arbeitete, gehörte zu einer Verbandsgemeinschaft aus sieben Teil-Gemeinden. Nach und nach wurden Strukturen zusammengelegt: Sechs Dörfer verloren ihr Rathaus, vier ihre Grundschule, auch eine Pfarrei verschwand.
Den Menschen vor Ort wurde irgendwann klar: Unser Dorf wird immer unattraktiver. Und wenn wir nichts tun, werden vor allem junge Familien wegbleiben.
Also haben sie überlegt, was sie tun können. Eine leerstehende Grundschule wurde wieder zum Zentrum des Dorfes. Ich hatte das Glück, diese Schule aufbauen und leiten zu dürfen.
Diese Erfahrung kommt mir heute wieder in den Sinn, wenn ich auf den demografischen Wandel und seine Folgen für unsere Bildungslandschaft schaue. Denn was damals ein einzelnes Dorf auf der Schwäbischen Alb beschäftigt hat, wird in den kommenden Jahren viele Regionen in Deutschland betreffen.
Vor allem in ländlichen Regionen geht die Zahl der Kinder massiv zurück. Besonders deutlich ist das bereits in Ostdeutschland. Aber die Entwicklung wird nicht dort bleiben. Sie wird sich auch in Städten und im Westen bemerkbar machen.
Was bedeutet das für Kitas, Grundschulen und Horte?
Bei einem Besuch der IZB in Hohenmölsen haben wir einen Eindruck davon bekommen. Eine Kita dort ist für 175 Plätze ausgelegt. In das neue Kitajahr ist sie mit gerade einmal 80 Kindern gestartet. Die Grundschule und der Hort nahmen bis vor Kurzem in jedem Schuljahr 80 Erstklässler auf, in diesem Jahr sind es 44. Und die Tendenz ist weiter sinkend. Im Nachbarort gibt es schon jetzt fast keine Kita-Kinder mehr. Die Einrichtungen wissen deshalb, dass die Frage nach ihrer Zukunft immer dringlicher wird.
Und: Wenn Kitas, Grundschulen oder Horte aus einem Ort verschwinden, verliert eine Kommune auch einen Teil ihrer Infrastruktur für Familien. Und damit möglicherweise genau das, was sie für junge Familien attraktiv macht.
„Kurze Beine, kurze Wege“ ist deshalb für mich nach wie vor ein wichtiger Grundsatz. Gerade für jüngere Kinder müssen Bildungsangebote gut erreichbar sein. Sie müssen Teil der Umgebung sein, in der Kinder aufwachsen.
Aber vielleicht müssen wir angesichts der demografischen Entwicklung auch darüber nachdenken, wie diese Bildungseinrichtungen künftig aussehen.
Warum sollten Kita, Grundschule und Hort nicht viel stärker zusammengedacht werden? Ein gemeinsames Bildungshaus für Kinder von etwa ein bis zehn Jahren könnte gerade in Regionen mit sinkenden Kinderzahlen eine Möglichkeit sein, Bildungsangebote vor Ort zu erhalten.
Und darin liegt für mich eine interessante Chance.
Denn wenn Kita, Hort und Grundschule unter einem gemeinsamen Dach arbeiten, könnten Einrichtungen zum einen überleben und zum anderen pädagogisch zusammenwachsen: Entwicklungswege von Kindern können über einen längeren Zeitraum in den Blick genommen werden, Übergänge können individuell gestaltet und Angebote passgenauer auf die einzelnen Kinder abgestimmt werden.
Meine Erfahrung aus den 1980er-Jahren hat mir gezeigt: Wenn sich die Bedingungen verändern, kann man versuchen, das Alte möglichst lange zu bewahren. Man kann aber auch fragen, was unter den neuen Bedingungen möglich wird.
Vielleicht brauchen wir angesichts des demografischen Wandels nicht weniger Bildungsorte, sondern andere. Und vielleicht liegt darin eine große Chance für eine kindzentriertere Bildung.



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