Michaels Wort zum Sonntag

Inklusion abschaffen? Warum das ein großer Fehler ist.

02.08.2026

Heilbronn – Zentrale

Selin Kocaoglu

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Kinder lernen nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern mit ihnen. Michael Fritz beschreibt, warum Heterogenität der Normalfall ist, weshalb Inklusion ein Bildungsauftrag ist und worauf es ankommt, damit jedes Kind dazugehören und sein Potenzial entfalten kann.

In der Politik wird darüber diskutiert, ob Kinder mit besonderem Förderbedarf oder Fluchterfahrung besser in eigenen Klassen unterrichtet werden sollten. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Kinder in homogenen Gruppen besser lernen würden. Ich halte das aus zwei Gründen für einen Irrtum: den einen nennt die Hirnforschung, den anderen der gesetzliche Auftrag von Bildungseinrichtungen.

Als Lehrer einer 1. Klasse startete ich mit der Überzeugung der „7G“: Alle Kinder des Gleichen Jahrgangs können am Gleichen Tag beim Gleichen Lehrer mit dem Gleichen Material das Gleiche Ziel Gleich schnell und Gleich gut erreichen. Das konnte ich (G Nummer 8) Gleich bleibenlassen. Denn die Entwicklungsunterschiede von sechsjährigen Kindern können bis zu vier Jahre auseinanderliegen: während das eine Kind bei der Einschulung auf dem Stand eines vierjährigen ist, ist das andere auf dem Stand eines achtjährigen. Von der Neurowissenschaft habe ich gelernt: jedes Gehirn ist anders. Die einzige homogene Lerngruppe ist die mit genau einem Mitglied. Sobald eine zweite Person dazukommt, ist sie heterogen.

Darum sind Bildungseinrichtungen nur dann erfolgreich, wenn sie mit Heterogenität umgehen können. Das verlangt gut ausgebildete Fachkräfte, ausreichend Zeit, multiprofessionelle Teams und passende Rahmenbedingungen. Denn jedes Kind hat das Recht auf gelingende Bildung.

Damit sind wir beim doppelten Auftrag der Gesellschaft an Kitas und Schulen: Bildung & Erziehung. Sie sollen also nicht nur Sprechen, Schreiben, Lesen und Rechnen vermitteln. Sie sollen Kinder auch befähigen, in einer vielfältigen Gesellschaft zu leben und Verantwortung für andere zu übernehmen.

Dazu gehört, Menschen zu begegnen, die anders sind als man selbst. Gemeinsam zu lernen, Konflikte auszuhalten, Rücksicht zu nehmen und Unterschiede als etwas Selbstverständliches zu erleben. Genau dort entstehen Zukunftskompetenzen wie Gemeinschaftsfähigkeit und demokratisches Handeln.

Deshalb überzeugt mich auch das Konzept der Inklusion. Denn es folgt einem grundlegenden Gedanken: Jedes Kind gehört dazu.

Allerdings braucht Inklusion gute Rahmenbedingungen. Sie braucht ausreichend Personal, Qualifizierung und den Mut, Bildungseinrichtungen so weiterzuentwickeln, dass sie der Vielfalt der Kinder gerecht werden können.

Gerade deshalb sollten wir nicht darüber diskutieren, wer dazugehören darf, sondern darüber, wie wir Bildungseinrichtungen so gestalten, dass jedes Kind dazugehören kann.

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