Michaels Wort zum Sonntag

„Bildungspflicht statt Schulzwang!“ – klingt gut? Ist es aber nicht.

31.03.2026

Heilbronn – Zentrale

Selin Kocaoglu

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Die Forderung nach einer Bildungspflicht statt einer Schulpflicht klingt zunächst plausibel. Michael Fritz zeigt, warum Bildung mehr ist als Wissensvermittlung und weshalb gemeinsame Bildungsorte für Chancengleichheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar sind.

Manche Slogans wirken auf den ersten Blick überzeugend. „Bildungspflicht statt Schulzwang!“ ist so einer. Wer könnte schon gegen Bildungspflicht sein?

Beim zweiten Hinsehen wird es komplizierter.

Denn hinter der Forderung steckt die Idee, die Schulpflicht zu lockern oder sogar abzuschaffen zugunsten einer vermeintlich freieren Form des Lernens. Gemeint ist dabei in der Regel nicht reformpädagogische Bildung, wie wir sie aus Waldorf- oder Montessori-Kontexten kennen, sondern vielmehr eine Form des Lernens, bei der Eltern weitgehend selbst entscheiden, was, wie und mit wem ihre Kinder lernen. Entscheidend sei allein das Ergebnis: Bildung.

Das klingt zunächst plausibel. Schließlich geht es ja genau darum: dass Kinder etwas lernen.

Und doch greift dieser Gedanke zu kurz.

Bildung ist mehr als die Aneignung von Wissen. Sie ist ein sozialer Prozess. Kinder lernen nicht nur Inhalte, sondern auch, wie man mit anderen zusammenlebt, Konflikte löst, Perspektiven wechselt, Verantwortung übernimmt. Kita und Schule sind einer der wenigen Orte, an denen Kinder mit ganz unterschiedlichen Hintergründen verbindlich zusammenkommen. Eine „Bildungspflicht“ sorgt durch die damit verbundene Privatisierung von Lernsituation auch dafür, dass Kinder gezielt von bestimmten Inhalten, Perspektiven oder gesellschaftlicher Vielfalt ferngehalten werden. Bildung wird stärker vom Elternhaus geprägt – mit Risiken für Chancengleichheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Außerdem: Die Vorstellung, dass alle Kinder auch ohne verbindliche Bildungsorte gleichermaßen Zugang zu guter Bildung haben, ignoriert soziale Realitäten. Bildungserfolg hängt schon heute stark vom Elternhaus ab. Eine reine „Bildungspflicht“ würde diese Ungleichheiten eher verstärken als ausgleichen.

Hinzu kommt: Wer definiert eigentlich, was „ausreichende Bildung“ ist und wie sie überprüft wird? Die scheinbar einfache Lösung wirft eine Vielzahl komplexer Fragen auf.

Das heißt nicht, dass unser aktuelles System nicht reformbedürftig ist. Im Gegenteil. Wir wissen, dass Schule sich verändern muss. Und wir arbeiten täglich daran, wie Bildung anders und besser gelingen kann. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, gemeinsame Bildungsorte zu schwächen.

Wenn wir über die Zukunft von Bildung sprechen, sollten wir darüber sprechen, wie wir sie so weiterentwickeln, dass sie ihrem eigentlichen Anspruch gerecht wird: ein Ort zu sein, an dem alle Kinder lernen können – und zwar gemeinsam.

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