Michaels Wort zum Sonntag
Warum Offenheit nicht „Mach doch, was du willst“ bedeutet
31.05.2026
Heilbronn – Zentrale

Offene Konzepte in Kitas werden häufig missverstanden. Michael Fritz beschreibt, warum echte Offenheit auf Vertrauen, Mitgestaltung und klaren Strukturen basiert und weshalb sie Kinder dabei unterstützt, Selbstregulation und Eigenverantwortung zu entwickeln.
Vor zwei Wochen durfte ich drei Kitas in Österreich besuchen, die für einen Preis für Bildungsinnovation nominiert waren. Obwohl die Einrichtungen sehr unterschiedlich gearbeitet haben, hatten sie etwas gemeinsam: Sie arbeiteten mit Konzepten, die Kinder in ihrer Selbstständigkeit stärken.
Und genau darüber wird auch hierzulande in der frühen Bildung rege diskutiert. Aus meiner Sicht sollte es aber vor allem darum gehen, wie eine offene Kita arbeitet.
Die Einrichtungen, die ich besucht habe, haben das sehr unterschiedlich umgesetzt. In manchen konnten Kinder frei zwischen verschiedenen Räumen wechseln, in anderen gab es stärker strukturierte Abläufe.
Was alle gemeinsam hatten: Offenheit bedeutete nie Regellosigkeit. Im Gegenteil: Gute offene Arbeit braucht klare Strukturen, verlässliche Beziehungen und Erwachsene, die aufmerksam beobachten und begleiten.
Denn Kinder müssen den Umgang mit Freiheit erst lernen.
Und genau darin liegt für mich die große Stärke offener Konzepte: Kinder können dort Fähigkeiten entwickeln, die sie später dringend brauchen werden. Sie lernen, Entscheidungen zu treffen, Konflikte auszuhandeln, Verantwortung zu übernehmen und das eigene Handeln besser zu steuern. Kurz gesagt: Sie entwickeln Selbstregulation.
Wie wichtig das ist, zeigt auch der aktuelle Chancenmonitor von ifo und „Ein Herz für Kinder“. Er macht deutlich, dass insbesondere Jungen bei der Selbstregulation und beim Lesen hinter Mädchen zurückliegen und dass der Bildungserfolg in Deutschland weiterhin stark vom Elternhaus abhängt.
Das bedeutet auch: Kinder, die zuhause weniger Unterstützung erfahren, sind besonders darauf angewiesen, solche Kompetenzen früh in der Kita entwickeln zu können.
Offene Konzepte ändern übrigens auch die Rolle der Fachkräfte. Denn wer Kindern echte Mitgestaltung ermöglichen will, muss bereit sein, Kontrolle abzugeben und Kindern etwas zuzutrauen. Das bedeutet nicht, dass Erwachsene unwichtig werden. Sie müssen sehr genau beobachten, begleiten, strukturieren und einschätzen, was ein Kind gerade braucht. Und die Lernumgebungen und Bildungsangebote entsprechend den Interessen und Themen der Kinder anpassen.
Offene Arbeit bedeutet also eine andere Art von Struktur. Die Art von Struktur, die Kinder ins Zentrum stellt.

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